USA und Israel greifen iranische Kulturstaetten an Ein Angriff auf das kulturelle Erbe der Menschheit

Von Dr. Reza Gholami

Stand: 24. Maerz 2026

Aktualisierter Sachstand (Stand 24. Maerz 2026)

  1. Maerz 2026: Golestan-Palast in Teheran beschaedigt (UNESCO-Welterbe)
  2. Maerz 2026: Falak-ol-Aflak-Burg in Khorramabad getroffen; Kulturdenkmalamt der Provinz Lorestan zerstoert, 5 Mitarbeiter verletzt
  3. Maerz 2026: Chehel-Sotoun-Palast, Ali-Qapu-Palast und Masjed-e Jame in Isfahan beschaedigt
  4. Maerz 2026: Irans Kulturministerium meldet mindestens 56 beschaedigte Kulturstaetten

17.-21. Maerz 2026: Berichte ueber mehr als 100 betroffene Staetten; UNESCO bestaetigt amtlich 4 Standorte

  1. Maerz 2026: UNESCO-Direktor Lazare Eloundou Assomo vergleicht Golestan-Palast mit Schloss Versailles und fordert sofortigen Schutz

Einleitung

Zuerst der Golestan-Palast in Teheran, dann der Chehel-Sotoun-Palast in Isfahan. Die Vereinigten Staaten und Israel greifen – wie bereits in frueheren militaerischen Operationen im Irak, im Libanon und in Palaestina – auch historische Kulturstaetten an.

Einige dieser Staetten stehen unter dem Schutz der UNESCO und sind als Weltkulturerbe anerkannt. Die UNESCO hat offiziell Alarm geschlagen. Sie hatte allen Konfliktparteien im Voraus die geographischen Koordinaten der Staetten uebermittelt, mit der ausdruecklichen Bitte, alle moeglichen Vorsichtsmassnahmen zu ergreifen, um Schaeden zu vermeiden. Dennoch dauern die Bombardierungen an.

Ein Angriff auf das kulturelle Erbe – wo auch immer auf der Welt er stattfindet – ist nicht lediglich ein Angriff auf ein Land oder eine Nation. Er ist ein Angriff auf das historische Gedaechtnis und das gemeinsame kulturelle Kapital der gesamten Menschheit.

Die Zerstoerung dieser Staetten bedeutet, wie der iranische Wissenschaftler Mojtaba Najafi es formulierte: Mein Gedaechtnis wird dem Erdboden gleichgemacht.

Voelkerrechtliche Dimension

Aus voelkerrechtlicher Perspektive sind solche Handlungen eindeutig rechtswidrig. Gemaess der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten von 1954 sind alle Konfliktparteien verpflichtet, kulturelle, historische und religioeuse Staetten vor Angriffen oder Beschaedigungen zu schutzen.

Praembel der Haager Konvention (1954): Schaeden an Kulturgut, gleichgueltig welchem Volk es gehoert, bedeuten Schaeden am Kulturerbe der gesamten Menschheit, denn jedes Volk leistet seinen Beitrag zur Weltkultur.

Die UNESCO-Welterbekonvention von 1972 betraeftigt ueberdies, dass Kultuergueter von herausragendem universellen Wert als gemeinsames Erbe der Menschheit gelten.

Die Zerstoerung oder Gefaehrdung solcher Staetten stellt eine schwerwiegende Verletzung des Voelkerrechts dar und kann als Kriegsverbrechen geahndet werden. Hinzu kommt die UN-Sicherheitsratsresolution 2347, die Angriffe auf Kulturstaetten als Verletzung des Voelkerrechts einordnet.

Besorgniserregend ist eine Aussage von US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, wonach Amerika in diesem Konflikt keine dummen Regeln der Kriegsfuehrung anwenden werde. Laut der Non-Profit-Organisation Blue Shield verkoerpern genau diese Regeln das humanitaere Voelkerrecht – nicht nur zum Schutz von Kulturguetern, sondern auch von Krankenhauesern, Schulen und der gesamten Zivilbevoelkerung.

Beschaedigte Staetten im Ueberblick

Golestan-Palast, Teheran

Der Golestan-Palast ist das einzige UNESCO-Weltkulturerbe in Teheran. Der Komplex geht auf die Safawidenzeit zurueck und wurde unter den Qadscharen (18.-19. Jahrhundert) erheblich erweitert. Er gilt als einzigartiges Zeugnis der Verbindung persischer Architektur mit europaeischen Stilelementen.

Am 1./2. Maerz 2026 beschaedigte der Luftdruckschock eines Raketenangriffs auf den nahegelegenen Arag-Platz den Palast schwer: Der beruhmte Spiegelsaal zerbrach, historische Holztueren (Orsi) wurden zerstoert, Boegen und Verkleidungen beschaedigt. UNESCO-Direktor Lazare Eloundou Assomo erklaerte, der Palast sei mit dem Schloss Versailles vergleichbar.

Das historische Ensemble von Isfahan

Isfahan verzeichnet die gravierendsten Schaeden. Am 10. Maerz 2026 trafen Luftangriffe die unmittelbare Umgebung des Naqsch-e-Dschahan-Platzes – eines der bedeutendsten staedtebaulichen Ensembles der Welt und selbst UNESCO-Weltkulturerbe:

Chehel-Sotoun-Palast: Dieses Meisterwerk der safawidischen Architektur mit seinen historischen Wandmalereien zaehlte bereits zum Originaltext. Bilder zeigen eingeschlagene Tueren, zerbrochene Fenster und Trummer. Besonders die Muqarnas-Ornamentik und die Wandmalereien wurden beschaedigt.

Ali-Qapu-Palast: Symbolisches Regierungsgebaeude der Safawiden. Schaden durch Druckwellen nahegelegener Explosionen bestaetigt.

Masjed-e Jame (Freitagsmoschee): Irans aelteste Freitagsmoschee – ein Gebaeude mit Schichten islamischer Architektur vom 8. bis zum 20. Jahrhundert – wurde durch Erschuetterungen beschaedigt.

Falak-ol-Aflak-Burg, Khorramabad

Die auf das Sassanidenreich (3.-7. Jahrhundert n. Chr.) zurueckgehende Festung liegt im historischen Khorramabad-Tal.

Am 8. Maerz 2026 zerstoerte ein Angriff auf den Perimeter der Burg das Kulturdenkmalamt der Provinz Lorestan vollstaendig und beschaedigte die archaeologischen Museen. Fuenf Mitarbeiter wurden verletzt. Das Tal wurde erst 2025 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.

Aktuelle Schadensstatistik

Irans Kulturministerium meldete am 14. Maerz 2026 mindestens 56 beschaedigte Kulturstaetten, darunter in Teheran (19), Kurdistan (12), Isfahan, Lorestan, Kermanshah, Buschehr und Ilam.

Ab 17. Maerz 2026 sprechen Berichte von mehr als 100 betroffenen Staetten. UNESCO bestaetigt amtlich mindestens vier davon. Irans und der Libanons Antrag, weitere Staetten unter Verstaerkten Schutz zu stellen, liegt der UNESCO vor.

Globale Konsequenzen

Die Folgen solcher Angriffe beschraenken sich keineswegs auf den Iran. Sie sind von dreifacher globaler Tragweite:

Erstens bedeutet die Zerstoerung des kulturellen Erbes den unwiederbringlichen Verlust eines Teils des historischen Gedaechtnisses der Menschheit. Staetten mit Authentizitaet (Authenticity), Integritaet (Integrity) und historischem Kontext (Historical Context) sind durch keinerlei finanziellen Aufwand wiederherstellbar; sie tragen angesammelte Schichten historischer Daten, materieller Belege und symbolischer Bedeutungen in sich, die in langsamen, unrepetierbaren Prozessen entstanden sind.

Zweitens untergraebt sie die internationalen Schutznormen fuer Kultuergueter in bewaffneten Konflikten und schafft gefaehrliche Praezedenzfaelle. Drittens verstaerken solche Handlungen kulturelle Spannungen und das globale Empfinden tiefer Ungerechtigkeit.

Historischer Vergleich: Bamiyan und Mossul

Die internationale Gemeinschaft verurteilte die Sprengung der Bamiyan-Buddhas durch die Taliban weltweit zu Recht als Verbrechen gegen das kulturelle Erbe der Menschheit.

Treten aehnliche Muster nun im Kontext staatlich gefuehrter Kriegsfuehrung auf, bedeutet dies einen gefaehrlichen Rueckschritt fuer das internationale Rechtssystem. Dies gilt umso mehr, als die USA gleichzeitig ihren Rueckzug aus der UNESCO ankuendigten – einem der zentralen Instrumente des multilateralen Kulturschutzes. Der irakische Nationalmuseumsraub von 2003 nach der US-gefuehrten Invasion oder die Zerstoerung von Palmyra 2015 zeigen: Kulturelle Katastrophen in Kriegszeiten sind keine Zufaelle, sondern Folgen gezielter oder fahrlaessiger Entscheidungen.

Appell an die internationale Gemeinschaft

Die Verhinderung einer solchen Tragoedie erfordert eine sofortige und entschlossene Reaktion der internationalen Gemeinschaft. Internationale Kulturorganisationen – insbesondere die UNESCO -, Archaeologen, Historiker sowie Persoenlichkeiten des Kulturlebens weltweit sind aufgerufen, diese Handlungen mit klarer, entschlossener Stimme zu verurteilen.

Kulturelles Erbe ist eine Bruecke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Seine Zerstoerung bedeutet nicht nur den Verlust von Stein und Moertel – sie durchtrennt die Verbindung kuenftiger Generationen mit der Geschichte der Menschheit. Die Verteidigung des kulturellen Erbes des Iran ist daher zugleich die Verteidigung des gemeinsamen Erbes der Menschheit.

Ueber den Autor

Dr. Reza Gholami ist Senior Lecturer fuer Politische Philosophie am Forschungsinstitut fuer Geistes- und Kulturwissenschaften in Teheran, Iran, und Kulturrattache der Islamischen Republik Iran in Oesterreich.

 

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https://www.zeit-fragen.ch/archiv/2026/nr7-31-maerz-2026/usa-und-israel-greifen-iranische-kulturstaetten-an

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